Dienstag, 29 Juli 2014 14:31

Soziale Kompetenzen unter Hundehaltern

Heute geschah Folgendes:

Wir gingen wie immer, auf den Waldwegen spazieren. Von vorne kamen mir zwei Frauen mit 4 Hunden entgegen und sie leinten ihre Hunde an, meine befanden sich an der Leine. Wir treffen uns häufiger und kommen so gut aneinander vorbei.

Zu diesem Zeitpunkt waren wir noch bestimmt 30 m voneinander entfernt, als von hinten, für mich und meine Hunde, wie aus dem Nichts, ein junger Vizslar-Rüde an uns vorbeischoss, bzw. es versuchte… Yuko stoppte ihn, da ich die Leine lang hatte, denn darauf war ich nicht vorbereitet. Er baute sich auf – der Vizslar verhielt sich ruhig, und ich sah an den Hunden, dass dies ein sehr kritischer Punk war. Yukos Rückenfell war aufgestellt und sein Körper war komplett angespannt. Ich wartete auf das Frauchen, denn mit ein wenig Geschick hätte man die Situation so auflösen können. Da fuhr ein Rad an mir vorbei. Auf dem Rad saß eine ältere, sehr sozial kompetente Frau (wie sich später herausstellte) und radelte weiter. Ich rief „Hallo – bleiben sie mal hier oder interessiert sie das hier gar nicht???“ Sie „Nö, interessiert mich nicht!“

Kennen Sie das, dass Sie glauben, sie haben was falsch verstanden, merken dann aber an der Reaktion, dass Ihre Ohren super funktionieren? Mein Mund stand offen und ich war ganz erleichtert – denn mehr kann man sich doch einfach nicht von seinen Mitmenschen an Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme wünschen!? Nebenbei kamen noch zwei Walkerinnen, die mir versicherten, dass der Hund bis eben sehr gut gehorcht hat… Dieses Wetter treibt einfach die merkwürdigsten Personen, die häufig an einer Leinenallergie zu leiden scheinen, aber trotzdem den Rückruf nicht trainiert haben, in die Natur:

Die einen möchten gerne 3 km vor dem Zusammentreffen mit mir per sms informiert werden, dass Sie ihren Hund anleinen sollten – die nächsten erklären mir, ich sollte Yuko doch einfach loslassen, während der Schäferhundrüde posierend und knurrend um uns herumtänzelt, denn die klären das schon selbst. Eigentlich ist ja auch nur MEINE Leine schuld daran, dass deren Hund knurrt. WAS??? Der Nächste lässt seinen an der Flexileine befestigten Aussierüden auf uns zu. Obwohl ich meine Hunde ganz nach außen sortiert habe, sie an einer kurzen Leine sind und ich am joggen bin. OK, ich gebe zu, dass es schwer zu erkennen ist, wenn ich jogge. Aber immerhin trage ich dann alberne Sportklamotten, habe einen hochroten Kopf und schnaufe (Indizien)…Kenn Sie jemanden, der in so einem Zustand gerne Smalltalk halten will?

Zurück ins Heute:

Ich trällerte also dauerhaft mein Entspannungssignal und Rückruf im Wechsel. Dies bewirkte schon mal, dass sich Yukos Fell wieder legte. Allerdings schaffte er es nicht sich abzuwenden, da der Vizslar sich in dem Motivationskonflikt befand, Frauchen zu folgen bzw. rauszufinden, wo sie ist oder den Hundekonflikt unbeschadet zu lösen. Er wusste ganz genau, dass es keine gute Idee wäre jetzt loszulaufen, er wusste aber auch, dass seine Bezugsperson weg ist.

Für die Vertreter der: „Die regeln das unter sich!“ Aus Yukos Sicht, ist Fee seine Ressource. Außerdem gehört ihm auch der Weg, schließlich war er zuerst da. Wie gesagt, Yukos Sicht! Vor allem aber, kann er es nicht leiden, wenn andere Hunde an ihm vorbeifegen. Er stoppt diese Hunde durch sehr deutliche Körpersprache – bleiben diese Hunde dann nicht stehen wird er sehr nachdrücklich. Er klärt es „unter sich“. Merkwürdiger Weise sind gerade die Vertreter dieser längst widerlegten Theorie (hält sich aber hartnäckig) am intolerantesten, wenn der eigene Hund dann den Kürzeren zieht. Obwohl Yukos Toleranzgrenze schon erheblich angestiegen ist, bleibt er genetisch ein Australien-Cattle-Dog. Er reagiert auf Bewegungen – blitzschnell und kontrolliert diese, sehr vehement. Dafür wurde er gezüchtet – wehrhafte, wilde Rinder zu treiben und zu kontrollieren! Er ist grundsätzlich deutlich und fair, aber er kann sehr schlecht nachgeben! Aber er wird immer toleranter.

Aus Sicht des Vizslars ist die Situation vermutlich so einzuschätzen: Da er in einem sehr hohen Tempo an uns vorbei wollte, gehe ich davon aus, dass der Hund schon gelernt hat, dass es schwierig sein kann, an fremden Hunden vorbeizulaufen. Seine Strategie ist Vollgas zu geben. Dann ist die Chance, dass die anderen Hunde ihn einholen könnten relativ gering. Gut – heute klappte diese Strategie nicht – also tat er zu meinem Glück das, was schlau war. Er deeskalierte durch Kopfabwenden, ruhig stehen, Rute klemmen usw. Allerdings wollte er auch zu Frauchen, wodurch ihm das ganz ruhig stehen bleiben, sehr schwer fiel und er immer wieder versuchte loszulaufen.

Aus meiner Sicht haben die Theorien „die klären das unter sich“ und „ich bin ein souveräner Rudelführer ihre Tücken.

Zurück zu meiner Hundebegegnung – Yuko löste sich endlich und der Vizslar, unverletzt!!! schoss los – nur leider in die falsche Richtung, da er offensichtlich nicht mitbekommen hat, dass seine „Rudelführerin“ bereits an ihm vorbeigefahren ist. Hund rennt Richtung Straße. Frauchen ruft. Hund dreht um, sieht Yuko und rennt wieder Richtung Straße (ich konnte nicht vom Weg runter gehen, da dieser von Brennnesseln begrenzt war). Ich war außer mir. Ich sah den Hund schon unter einem Auto liegen. Dank meines, wahrscheinlich viel zu viel produzierten Adrenalins und die Wut auf dieses, nach meinem Empfinden, rücksichtslose Verhalten, mir und den Hunden gegenüber, musste ich dies auch äußern. Ich erwähnte ein weibliches Tier aus der Milchindustrie im Zusammenhang mit geringer Intelligenz (bezogen auf empathische Fähigkeiten), was zugegebener Maßen den Kühen gegenüber nicht fair ist.

Beim dritten Versuch traute sich der Vizslar an uns vorbei, da der Bär entschieden hatte, einfach seinen „Schnuller“ zu tragen und damit das Fixieren aufgeben konnte. Zur Erklärung: Stellen Sie sich einfach mal vor, sie sind mit einer vertrauten Person unterwegs. Sie gehen etwas weiter vorne und werden von einem Typen mit Baseballkeule nach ihren Personalien gefragt und bemerken irgendwann, dass ihre Begleitung nicht auftaucht. Sobald sie beginnen, sich umzuschauen, baut sich der Typ mit der Keule auf und hält diese bedrohlich hoch. Je nach Menschentyp werden sie unterschiedlich reagieren, wenn Sie diese Situation überstanden haben und Ihre Begleitung wiedergefunden haben. Ich bin ein sehr impulsiver Mensch und Angst stresst mich ganz enorm, so dass ich entweder komplett erstarre oder auf Gegenwehr setze. Mit ziemlicher Sicherheit würde ich meiner Begleitung eine Standpauke halten, die wahrscheinlich weit über das Ziel hinausschießen würde,

Dieser Vizslar hat sich, für wiederholt an Frauchen hochspringen und Kreise drehen entschieden und wurde dafür angeleint und ausgeschimpft. Für mich kein Zeichen von sozialer Kompetenz.

Warum ich das immer wieder erwähne?

Ich musste ja nun noch mal an diesen mittlerweile 3 Frauen und 5 Hunden vorbei, von denen ich ja 2 mit 4 Hunden öfter treffe und wir noch nie ein Problem hatten, dachte ich. Natürlich habe ich auch diese beiden, bei unserer ersten Begegnung darum geben, ihre Hunde bei sich zu behalten. Das beginnt übrigens immer mit: “Würden Sie bitte Ihre Hunde…“

Jedenfalls erklärte mir eine der zwei Frauen, dass mein Verhalten wirklich unmöglich ist. Ich sei die einzige in diesem Wald, die immer ruft, dass man seine Hunde bei sich behalten soll. Die andere der Zwei meinte, dass mein Hund nicht sozial ist. Nun war der Punkt erreicht, an dem meine Adrenalinausschüttung ein wenig überlief, was leider dazu führte, dass ich nun gar nicht mehr Argumentieren konnte – (Dieser Zusammenhang zwischen Stress und lernen bzw. auf Erlerntes zurückzugreifen ist doch einfach verblüffend, oder?) Ich fragte also: Wie es denn genau mit der gegenseitigen Rücksichtnahme so aussieht? Darauf bekam ich die Antwort: “WIR können alle Hunde zusammen lassen – und es wären ja auch gar nicht meine Hunde, sondern ICH! Und wenn mein Hund beisst, dann muss er einen Maulkorb tragen!“ Ich:“ Nein, sie müssen einfach ihre Hunde bei sich behalten und mich in Ruhe lassen! Dank meines guten Trainings beisst er ja nicht (…mehr)!“ Eine echte Verbesserung ist übrigens, dass ich das Problem bin. Ich kenne noch Zeiten, da gehörten meine Hunde gar nicht vor die Tür...

Ich zog meines Weges und bekam dann ein kleines Hörspiel von Hunden geboten, die alle zusammen laufen können. Was mich darauf schließen lässt, dass die drei Damen leider sehr schlecht über die Körpersprache und Lautäußerungen von Hunden informiert sind.

Bezeichnend finde ich allerdings, wie sich das Verhalten nur durch das Zusammentreffen mit einer weiteren Person verändert und, das die Damen davon überzeugt sind, sozial kompetent zu sein, obwohl es ihnen grundsätzlich schon zuviel ist, ihre Hunde anleinen zu müssen, damit sie nicht zu einem anderen, fremden Hund laufen (für ca. 2 Minuten!). Sollten denn nicht gerade diese, sozial kompetenten Menschen ein besonderes Verständnis für Hunde wie Yuko aufbringen oder Hundehalter wie mich, die versuchen reibungslos spazieren zu gehen? Sie halten sich für sozial kompetent obwohl sie ihre Hunde in äußerst unangenehmen Situationen allein lassen. Ganz ehrlich – in meiner Weltanschauung ist dies, rücksichtsloses Verhalten und da bleibe ich einfach wie ich bin! Meine Schutzbefohlenen (sowohl mit und ohne Fell) wissen genau was sie von mir erwarten können und was nicht!

Also: Bitte Abstand halten! Wir freuen uns über jeden, der uns sozial kompetent dabei hilft reibungslose, entspannte Hundebegegnungen zu trainieren! Ein unangenehmer Nebeneffekt ist nämlich, dass Yuko sich ziemlich gut fühlt, wenn er andere Hunde einschränken kann und nach jedem Erfolgserlebnis (er speichert es so ab!) wird die nächste Begegnung schwieriger, da er erst einmal abcheckt, ob es nicht doch etwas gibt was noch größeren Spaß macht, als ein Spielzeug zu tragen.)

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