Mittwoch, 04 Juni 2014 13:42

Lernen braucht Zeit und Geduld

Ein Auszug meiner schlauen Ratschläge im Hundetraining, welche meine Kunden sich immer mal wieder anhören müssen, lautet: „Lernen braucht Zeit! Ein Hund, der sich nicht wohl fühlt, weil er krank ist oder übermäßig gestresst, braucht noch mehr Zeit, da ihm das Lernen zeitweise sehr schwer möglich sein könnte.“

Bei all dem Wissen, welches ich mir im laufe der Jahre aneignen konnte, ist es aber trotzdem so, dass es im internen Bereich, also bei meinen Hunden manchmal schwierig ist, dieses Wissen zu übertragen. Bei den eigenen Hunden bin ich natürlich emotional ganz anders eingebunden, als bei den Hunden meiner Kunden, ich muss mit Tierärzten die gleichen Diskussionen führen wie jeder andere Tierhalter auch und ich finde es ebenfalls wenig amüsant, wenn einer meiner Hunde versucht, einen anderen Hund zu fressen. Vielleicht gerate ich manchmal sogar unter größeren Druck, als der „normale“ Hundehalter. Von mir wird schließlich erwartet, dass meine Hunde mit nahezu jeder Situation zurecht kommen. Wenn nicht, ist das der Beweis, dass dieser Belohnungskram mit dem Gesäusel dazu, sowieso nichts bringt!

Für diejenigen, die an diesen Unsinn glauben: Hundetrainer haben in der Regel total normale Hunde (keine Wunderhunde), häufig sogar Hunde mit fragwürdiger Vergangenheit oder Rassezugehörigkeit, da sie oftmals die Herausforderung, einen solchen Hund zu trainieren, lieben. Das heißt aber nicht, dass dieser Hund dann wie neu wird, weil er bei einem Hundetrainer lebt – seine bisher gemachten Erfahrungen und genetischen Eigenschaften kann niemand rückgängig machen. Und Umlernen braucht Zeit.

Nun aber zurück zu mir und dem dicken Bären, meinem Yuko. Yukos Verhalten gegenüber anderen Hunden ist häufig provokativ und wenn er SEINE Hündin dabei hat, sorgt er gerne dafür, dass kein fremder Hund an uns herankommt. Da Yukos Verhalten am Anfang des Jahres immer merkwürdiger wurde, nachdem eine Anaplasmose therapiert war, habe ich ihn auf eine Schilddrüsenunterfunktion testen lassen und diese bestätigt bekommen. Seit ca. 10 Wochen ist er nun eingestellt und es ist kaum zu glauben – mein Hund beginnt zuverlässig, das Verhalten zu zeigen, welches ich mühevoll seit langer Zeit trainiere. Da der Bär für sein Leben gerne Gegenstände trägt, hatte ich immer wieder die Idee, ihn während einer Hundebegegnung ein Spielzeug tragen zu lassen – welches er dann knautschen kann und er sich außerdem auf etwas anderes konzentrieren kann (Aufmerksamkeitsteilung). Das Training funktionierte mehr oder weniger gut – wurde er jedoch angebellt oder fixiert, hat er den Ball fallen lassen und war wie bei allen anderen Trainingsideen vorübergehend nicht ansprechbar. Dies wurde und wird natürlich auch durch die Stärke seiner Rückenschmerzen beeinflusst (Cauda Equina Syndrom). Ich habe das Tragetraining also immer wieder ruhen lassen und andere Alternativverhalten trainiert um dem Ziel, anderen Hunden entspannt zu begegnen, näher zu kommen.

Vor 5 Wochen habe ich es wieder rausgeholt, da ich beim Joggen nach einer Möglichkeit gesucht habe, mit der ich relativ schnell wieder ins Laufen komme oder sogar im Laufen bleiben könnte, wenn uns ein Hund entgegenkommt. Bei Begegnungen mit Hunden, die nicht zu seiner Liste der „Lieblingsfeinde“ gehören, schaut er mittlerweile nicht einmal mehr hin, sobald er den Ball trägt und an diesen Hunden können wir tatsächlich vorbei joggen (wenn diese auch angeleint sind!) Dreimal hat er sich bisher sogar anknurren lassen und ist souverän weitergelaufen – unglaublich! Fee läuft daneben – sie bekommt während der Begegnung Clicks und Futter… Neulich hat er, mit Ball im Fang, an einem Dobirüden geschnuppert, ohne sein Fell aufzustellen. Der Dobermann steckte seine Nase durch sein Gartentor zu uns auf den Gehweg. Ich kann nur sagen – es ist großartig und wieder einmal der Beweis: „Dieser Belohnungs-Säusel-Kram“ funktioniert einfach wunderbar, weil die Hunde die Möglichkeit bekommen eine Alternative zu erlernen um ihren Stress zu bewältigen! Das Allerbeste ist: Meine Hunde bekommen zu 100% mit, wer oder was uns entgegen kommt. Sie lernen damit umzugehen und orientieren sich an mir – dabei sehen sie fröhlich aus! Und wer meint, dass Hunde, die in vielen Alltagssituationen Clicks und Belohnungen erhalten, in ihrer Persönlichkeit verändert werden, mag das stimmen. Denn diese Hunde lernen, dass sie auch in für sie unbehaglichen Situationen die Ruhe bewahren. Denn sie lernen, dass es sich lohnt auch „Unangenehmes“ auszuhalten und das nicht, weil sie durch aversives Training gehemmt sind sondern weil es beginnt ihnen Spaß zu machen, denn es lohnt sich für sie! Eine Persönlichkeitsveränderung die ich sehr gut vertreten kann. Übrigens wäre vor der Gabe von Thyroxin an einen so konstanten Trainingserfolg niemals zu denken gewesen – was wieder einmal beweist: Wenn ein Hund sich nicht gut fühlt, kann er nur schwer auf neu erlerntes Verhalten zurückgreifen! Übrigens ist der Bär jetzt nicht wie neu, seine Baustellen sind nach wie vor vorhanden, aber ich habe jetzt eine Chance ihn zu erreichen

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